

Interview mit Phil Fuldner / Mai 2009
Phänomen Crossover
Phil Fuldner legt sich ungern fest – und am 10. Juni im „Palais“ auf
Den Durchbruch schaffte er vor ziemlich genau zehn Jahren mit einer der ersten Animé-Fimmusiken schlechthin: Christian Bruhns Soundtrack zur Kultzeichentrickserie „Captain Future“ aus dem Jahr 1980 legte ihn 18 Jahre später mit „The Final“ quasi aufs elektronische Clubgenre fest. Danach allerdings erwies er sich als regelrechter Crossover-Spezialist; und das bei Weitem nicht nur in Clubs, wie wir im Gespräch mit ihm herausfinden durften. Marcus Dietz über einen der vielseitigsten DJs der Branche.
Ein wenig Cleverness steht dem charmanten Musik-Derwisch wahrhaftig ins Gesicht geschrieben: Markanter Blick, modischer Chic und stilsicheres Auftreten begleiten seine Karriere. Begegnet man jemandem wie ihm, stellen sich einem Fragen wie von selbst; zum Beispiel die, ob plötzlicher Erfolg verändert. „Und ob“, weiß Fuldner zuzugeben, „man neigt ganz schnell zur Unvernunft!“ Fuldner spielt auf guten Lebensstil an, weiß, was es heißt gut zu verdienen und mindestens ebenso gut zu leben. Doch spürt man die Reife in ihm, und, dass er nicht nur mit Musik umzugehen gelernt hat.
Wie er zu ihr kam, erklärt er gern, und greift satte 20 Jahre in seine Vergangenheit: „Für mich stand schon sehr früh fest, dass ich irgendetwas mit Musik machen will. In meiner Jugend hab ich immer leidenschaftlich die WDR-Disco-Nacht mitgeschnitten und Musik bis zum Gehtnichtmehr gehört. Den Kick-Off hatte ich durch den brillanten DJ Attila Ceylan, den ich immer toll fand.“
Fuldner hat, wie jeder in der Branche, klein angefangen, auf Abi-Parties, mit Straßenfesten – und später dann mit Clubauftritten durch die ersten Kontakte zu Discothekenbetreibern, die sein Talent und anfängliches Können schnell zu schätzen wussten. „Mann, wenn ich daran denke, wie nervös ich vor solchen Auftritten war ... – Ich bin damals“, fällt ihm plötzlich ein, „auf solchen Festen auch unheimlich gern Skateboard gefahren. Mach ich übrigens heute noch!“ – kurze Pause, gesenkter Blick, melancholisch anmutendes Lächeln – „Mein erstes Disco-Equipment hab ich damals mit Moguai zusammen gekauft …“ … und den Grundstein zu (s)einer bemerkenswerten Karriere gelegt, die den entscheidenden Schub durch eine Clubversion der Christian-Bruhn-Komposition „Feinde greifen an“ – eine treibend, alarmierende Filmmusik zur Zeichentrickserie „Captain Future“ – bekam. Fuldner erinnert sich: „ Eines Tages kam ein guter Freund mit der ,Captain-Future‘.CD vorbei und wir haben uns das Ding angehört – genialer Sound.“
Die Mitte der 90er-Jahre erstmals auf CD veröffentlichte, bereits 1980 komponierte, elektronisch arrangierte Filmmusik wurde zu einer Art Geheimtipp in der Szene und Fuldner zu dem, der einen clubfähigen Track draus machte. Der Erfolg blieb nicht aus – und er veränderte Fuldner, wie er anfangs schon andeutete: „Wir hatten eine geile Zeit, waren wahnsinnig viel unterwegs, auf Ibiza und überhaupt in den angesagtesten Clubs.“
Das war natürlich nur der Anfang. Für Moguai hat er anschließend vornehmlich produziert – beide kennen sich seit frühester Jugend. Die beiden Labels „punx“ (Electro) und „Polo Records“ (House) sind dabei entstanden und Aufträge gab’s in Hülle und Fülle. „In den vergangenen Jahren hab ich allerdings weniger produziert und mich mehr aufs Songwriting konzentriert. Es hat Vorteile. Man entkrampft dabei.“ Fuldners betont kreatives Ressort reiht große Namen wie die Sugar Babes, die Formation 2raumwohnung und etliche DSDS-Teilnehmer einem einzigen Atemzug gleich aneinander, füllt seinen Terminkalender reichlich – und beeindruckt.
Fuldners (derart gegenwärtige) Vergangenheit führt nahtlos zu seinen Zukunftsplänen: „Mehr eigene Musik machen, ja sogar selbst Singen steht bei mir auf dem Programm.“ Zurzeit arbeitet er zeitgleich an drei Releases für größere Labels und konzentriert sich dabei immer mehr auf das, was man als Kunst des Crossovers bezeichnen darf: „Ich hab nicht so etwas, wie eine schmale Ecke, in der ich drin bin. Meinen Stil halte ich bewusst offen, damit ich mich gut fächern kann. Ich finde, alles, was man an gängiger Musik im Radio oder so hört, sollte man auch in Clubs spielen können und beides nicht unbedingt voneinander trennen. Ich zum Beispiel spiele zwar gern mal einen ganzen Abend lang nur Funk oder nur R’n’B – die Kids steh’n da momentan voll drauf. Aber als DJ habe ich auch fantastische Crossover-Möglichkeiten: Ich muss gar nicht bei strikt einer Richtung bleiben, sondern kann mehreres miteinander vereinen.“
Fuldner erkennt weder in verschiedenen Musikstilen, noch unterschiedlichen Präsentationsformen zwingende Widersprüche. Nach ihm funktionieren zwar zum Beispiel das Clubsegment (live) und das Radio (vorproduziert) jeweils für sich anders, schließen sich aber keinesfalls gegenseitig aus. Fuldner selbst macht eben beides gern, kreuzt die Genres, kombiniert die Disziplinen und produziert kompatibel. Fuldner erklärt das erfolgreiche Aufeinandertreffen eher unbekannter Underground-Strömungen mit hochpopulären Hits an nur einem Abend mit ihrem so genannten Mass Appeal: „Es fasziniert fast alle und gefällt einfach.“ Aktuelle Chart-Erfolge bestätigen seine Erkenntnis, wie beispielsweise Katie Perry („I Kissed the Girl“) beweist, die elektronische Attitude mit coolem Pop-Flair zu würzen versteht und damit innerhalb kürzester Zeit eine sehr breite Wirkung erreicht hat.
Was hier nahezu musikwissenschaftlich analytisch klingt, fasst Phil Fuldner nach kurzweiligem und doch erstaunlich langem Gespräch ebenso schlicht wie lakonisch prägnant in einem schönen Bonmot zusammen: „Gute Musik“, und dabei lächelt er leicht überlegen, „ist einfach gute Musik.“ Punkt – oder was soll man da noch schreiben?
Die Fragen stellte Marcus Dietz für subculture, Ausgabe Juni 2009
Fotos: Attila Ramiani (Phil Fuldner im „Palais”)